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Hans-Dieter Haller
Gutachten für
wissenschaftliche Hausarbeiten (Diplom, Magister, Staatsexamen)
anfertigen
Anmerkung:
Einige Hinweise beziehen sich auf Rechtsvorschriften der
BRD!
Sicherlich sind die Unterschiede zwischen
verschiedenen Fächern sehr groß; die den folgenden
Überlegungen zugrundeliegenden Erfahrungen beziehen sich in der
Hauptsache auf die Geistes- und Sozialwissenschaften.
Gutachten für solche
Qualifizierungsarbeiten können verschiedenen Funktionen
dienen:
- Begründung für die
Leistungsbewertung,
- Rückmeldung an die
Qualifikanten,
- Selbstdarstellung vor Kolleginnen
und Kollegen bzw. auch Vorgesetzte und
Quasi-Vorgesetzte,
- Justitiabilität, nämlich
Prüfgegenstand in einem evtl. Widerspruchsverfahren (dies
allerdings selten).
Das Gutachten sollte allgemein gesehen
"passend" zur Note sein, d.h. die spezielle Note sollte durch
den Argumentationsgang und Text des Gutachtens bereits klar
werden.
Das Gutachten sollte
- zunächst den Stellenwert des Titels
oder Arbeitsauftrages in der aktuellen Forschungslage
darstellen, dabei auch besondere Begrifflichkeiten aus dem
Thema ansprechen;
- sodann die Implikationen des Titels und
Abgrenzungen (Erwartungshorizont) darstellen; z.B. was nicht
geleistet werden konnte aufgrund fehlender Forschungsbefunde etc.,
und was auf jeden Fall zu erwarten war (und ob und wie es
eingelöst worden ist);
- eine kurze Darstellung des
gewählten Ansatzes, der Vorgehensweise (Methodik) und der
Erträge der vorliegenden Arbeit enthalten;
- eine Würdigung von auffallenden
Besonderheiten (oder ggfs. auch die Kritik an besonderen
Defiziten oder Ärgerlichkeiten) enthalten;
- ggfs. den konkreten Hinweis auf
Alternativen enthalten, die zur Verfügung gestanden
hätten;
- den (auch sprachlichen) Darstellungsstil
würdigen;
- die Vorzüge und Schwächen der
Arbeit zusammenfassend gegenüberstellen;
- in einem klaren Gesamturteil
enden.
Der Umfang eines Gutachtens ist in der
Regel in den Fächern "unausgesprochen" festgelegt, er hängt
u.a. auch von der Gesamtzahl der laufend anzufertigenden Gutachten
ab. Für Diplomarbeiten (3-Monatsarbeit) in unserem Fachbereich
(Sozialwissenschaften) schätze ich den Durchschnitt auf 1,5 bis
2 Seiten, für Magisterarbeiten (6 Monate Bearbeitungszeit) auf
2,5 bis 3 Seiten.
Im Gutachten kann der Verfasser/die Verfasserin
namentlich "angesprochen" werden; z.B. in Formen wie: "Herr X
hat eine Fülle von Material zusammengetragen und
damit...".
Ausschmückende Worte sind
üblich und auf die Gesamtnote abzustimmen ("ein sehr origineller
Beitrag", "diese sehr sorgfältige Analyse" etc.
Korrekturanmerkungen können
üblich sein; wenn, dann sollte man sie umfassend und
sorgfältig ausführen, vielleicht besser nicht in rot,
sondern mit leichtem Bleistift.
Die Frage der Geheimhaltung von
Gutachten ist in den jeweiligen Prüfungsordnungen geregelt. Wenn
dieses nicht ausdrücklich verboten (oder verpönt) ist, kann
man dem/der betreffenden Qualifikanten eine Kopie aushändigen,
muß dieses aber auf keinen Fall. Gutachten anderer (Erst- oder
Zweitgutachten) sind tabu, da wiederum nur die betreffenden anderen
Gutachter/Gutachterinnen darüber verfügen.
Rücksprachen mit anderen Gutachtern
oder Gutachterinnen sind möglich und üblich; oft gibt es
die unausgesprochene Regel, daß die erstbegutachtende Person
eine Kopie an die zweitbegutachtende Person schickt, etwas abwartet
und erst dann das Gutachten an die Prüfungsstelle abschickt,
wenn Bestätigung erfolgt ist oder Gegenrede
ausbleibt.
Möglicherweise werden die Arbeiten selbst
(natürlich ohne die Gutachten) in einer Institutsbibliothek
gesammelt und sind nach Abschluß des Verfahrens für
die übrigen Studierenden zugänglich.
Sammeln Sie Ihre Gutachtentexte fortlaufend,
Sie können sich im Laufe der Zeit ein Grundmuster
für Ihre fachlichen Bedürfnisse erstellen (das erleichtert
Ihnen das Abfassen der Texte).
Stellen Sie sich aus solchen Erfahrungen eine
Checkliste der häufigsten Fehler zusammen. Diese
können Sie als Grundlage für Ihre
Korrekturen/Begutachtungen und auch für Beratungsgespräche,
Examenskolloquien u.ä. benutzen.
Checkliste häufiger Fehler bei
wissenschaftlichen Hausarbeiten (Diplom, Magister,
Staatsexamen)
- Gliederung überfrachtet oder
unterbestimmt (Faustregel:5-7 Kapitel bei 50 bis 100
Seiten);
- Gliederungsebenen zu tiefgehend
(Faustregel: 3 bis 4 Ebenen bei 50 bis 100 Seiten);
- keine Auseinandersetzung mit der
Themenstellung;
- keine Vorabklärung zentraler
Begriffe;
- keine Auseinandersetzung mit dem
Forschungsstand ("state of the art");
- Versuch, sich zu "überheben",
d.h. die bisherige Forschung insgesamt zu überblicken,
darzustellen, zu kritisieren, gar "aus den Angeln zu heben", ohne
daß das dann auch eingelöst werden
könnte;
- keine Darstellung der
Materialbeschaffung und damit der Informationsbasis (z.B.,
welche Bibliographien, Dokumentationen etc. zur
Literaturbeschaffung durchsucht wurden);
- keine Darstellung und Reflexion der
gewählten Methode, Vorgehensweise;
- fehlende Belege für
Behauptungen;
- mangelnde oder falsche Darstellung von
Referenztheorien oder einseitige Anlehnung an
Referenztheorien;
- mangelnde Trennung zwischen Aussagen von
Autoren und eigenen Aussagen;
- mangelnde Trennung zwischen Befunden und
deren Interpretation (spekulative Schlußfolgerungen sind
möglich, sollten aber abgetrennt von der Darstellung der
Befunde erfolgen);
- Trivialbehauptungen;
- emotive, emphatische Darstellungen
("die Menschheit sollte endlich aufwachen...!");
- Subjektivismen
(übermäßige Verwendung von
Ich-Formen);
- unklare Gedankengänge,
lückenhafte Argumentationsfolgen;
- zu geringer Ertrag, keine
ausreichend ausgeführten Schlußfolgerungen,
keine Auseinandersetzung mit Ergebnissen;
- sachliche Fehler (falsches
statistisches Verfahren, falsche Zitate, falsche Referenz, falsche
Einordnung von Autoren, falsche Jahreszahlen etc.);
- verschrobener Stil
(übertriebener parataktischer Satzbau);
- übertriebener
Nominalstil;
- gehäufte grammatikalische und
orthographische Fehler (z.B. fehlt oft "zu" in erweiterten
Infinitivsätzen oder der sächsische Genitiv wird
verwendet: "Peter's Hausarbeiten").
Quelle: http://www.gwdg.de/~hhaller/lehrtip9.htm
- Homepage
des Arbeitskreises für Hochschuldidaktik